Dresdner Kreise

ESG* Ende 70iger, Anfang 80iger Jahre. Es gibt den berüchtigten Öko-Kreis und den verdächtigen Friedenskreis. Für die Frommen den Bibelkreis (und vielleicht auch einen heimlichen Gebetskreis).

Tanzkreise, Musikkreise, Architekturkreise. Natürlich diverse Feten- und Reisen – Vor- und Nachbereitungskreise.

Dann für immer und ewig die Absolventenkreise.

M gründet den Hausmusikkreis („Jeder muss ein Instrument spielen!“). Nach dem Abspielen der immer gleichen Barockmusik, gibt’s Pudding. Damit es gerecht zugeht, sitzt M unterm Tisch und bestimmt blind, wer das nächste Schälchen bekommt. Mit nur leicht wechselnder Besetzung spielt der HMK 40 Jahre später noch. Heute gibt es Eis mit Eierlikör (und manchmal einen guten Tropfen). Das Repertoire hat sich erweitert. Auftritte: Hochzeiten, Silberhochzeiten, heute 60igste Geburtstage. Bald Beerdigungen.

Zum Ende des Studiums gründet sich der Puppenspielkreis. (W: „Man muss was zusammen MACHEN, nicht nur reden!“). Eine folgenschwere Entscheidung. Intensive Beschäftigung für mindestens 10 Jahre. Entfliehen der DDR-Stagnation. Auftritte, Tourneen (DDR und Rumänien), eigene Inszenierungen. Die Proben finden auf dem Wäscheboden statt (hat der Stasinachbar ein Auge drauf?).

1990 in Bochum. Wir sind beim Fritz Wortelmann Amateur Puppenspiel Festival und ernten den 1. Preis. Das Preisgeld, (immerhin 2000 DM) stecken wir in die Socken (unsere Konten lauten noch auf Mark der DDR).

90iger Jahre: Bahro -Kreis. Wir lesen und diskutieren die bessere Welt. Bald ist klar: wir verändern die Welt nur durch Meditation und gründen sogleich den Meditationskreis. Der trifft sich jede Woche auf dem Teppich und nach der Befindlichkeitsrunde ist es sehr still.

In Amerika fehlen mir die Dresdner Kreise so sehr, dass ich vor Heimweh krank bin. Der Hauskreis der Lutheran Church hilft nur bedingt. Der Kreis zerstreitet sich über der Frage der Homosexualität.

Wieder in Dresden trifft sich der Lesekreis bis heute stabil. Freundinnen engagieren sich im Mütterkreis, den ich mied. Beim Tanzkreis lasse ich mich allerdings gerne anstecken und erlebe wilde Zeiten. Das inspiriert mich sosehr, dass ich Malen will. Alle Einladungen zu Malkreisen lehne ich tapfer ab.

So male ich völlig alleine und ohne Kreis.

*ESG: Evangelische-Studenten-Gemeinde oder auch Ehe-Such-Gemeinschaft genannt

©  2020 Uta Klippel